Die ersten 72 Stunden - Minnies Ankommensplan
Die ersten Tage müssen nicht perfekt sein. Sie sollten vor allem sicher, ruhig und überschaubar sein.
Hi! Hier ist wieder eure Minnie!
Heute wird es ganz praktisch: Euer Hund kommt nach Hause
Vielleicht habt ihr lange auf diesen Moment gewartet. Das Körbchen steht bereit, die Näpfe sind gefüllt und wahrscheinlich habt ihr euch schon oft vorgestellt, wie die erste Begegnung sein wird.
Für euren Hund sieht dieser Tag ein wenig anders aus. Gerade unsere Hunde von den Azoren haben bei ihrer Ankunft bereits außergewöhnlich viel erlebt: Transport, Flughafen, Flug, unbekannte Geräusche und Menschen - und anschließend noch die Fahrt zu einem Ort, den sie nicht kennen.
Dass Transport für Hunde eine Belastung darstellen kann, lässt sich auch physiologisch nachweisen, In Untersuchungen wurden währen Straßentransporten unter anderem Veränderungen von Cortisol und weiteren Stressparametern festgestellt (Gautier et al., 2020). Die konkreten Ergebnisse dieser Untersuchung lassen sich zwar nicht unmittelbar auf einen Tierschutzhund nach einem Flug von den Azoren übertragen, sie verdeutlichen aber grundsätzlich, dass Transport für die Hunde mit einer messbaren Stressreaktion verbunden sein kann.
Nach der Ankunft lautet die wichtigste Frage deshalb nicht: "Was können wir unserem Hund jetzt alles zeigen? Sondern: "Was braucht dieser Hund jetzt, um sich sicher orientieren und zur Ruhe kommen zu können? Genau dabei sollte euch dieser Ankommensplan helfen.
Die ersten 72 Stunden sind keine wissenschaftliche Frist, innerhalb derer ein Hund eingewöhnt sein soll. Sie sind lediglich ein praktischer Orientierungsrahmen für die ersten Tage. Wie schnell euer Hund tatsächlich ankommt, bestimmt er selbst.
Bevor euer Hund ankommt
Ein möglichst ruhiger Start beginnt schon vor der Ankunft. Alles, was ihr vorher vorbereiten könnt, müsst ihr später nicht organisieren, während gleichzeitig ein müder, aufgeregter oder unsicherer Hund eure Aufmerksamkeit braucht.
Bereitet deshalb einen ruhigen Schlaf- und Rückzugsplatz vor und stellt frisches Wasser bereit. Auch das vorgesehene Futter sollte bereits zu Hause sein. Halsband, Geschirr und Leinen beziehungsweise die mit uns vereinbarte Sicherung sollten vorbereitet und passend eingestellt sein. Klärt außerdem vorher, wie euer Hund sicher im Auto transportiert wird.
Mindestens aber genau so wichtig ist aber die Vorbereitung der Menschen. Besprecht innerhalb der Familie, dass der Hund in den ersten Tagen noch nichts leisten muss. Gerade Kinder sollten wissen, dass ein schlafender oder sich zurückziehender Hund in Ruhe gelassen wird. Auch Freunde, Nachbarn und Verwandte dürfen noch ein wenig warten. Die ersten Tage sind keine Willkommensparty. Die ersten Tage gehören zunächst eurem Hund und seinem neuen Zuhause.
Von der Übergabe bis nach Hause
Die Übergabe ist für uns Menschen ein emotionaler Moment. Endlich ist der Hund da, auf den wir so lange gewartet haben. Für den Hund ist sie zunächst eine weitere Veränderung an einem ohnehin außergewöhnlichen Tag.
Begrüßt ihn deshalb freundlich und ruhig. Erwartet nicht, dass er sofort Kontakt aufnehmen, gestreichelt werden oder seine Freude über euch zeigen muss. Manche Hunde suchen unmittelbar Nähe, andere möchten zuerst Abstand. Beides ist in Ordnung.
Besonders wichtig ist in diesem Moment die Sicherung. Ein frisch eingereister Hund kennt weder euch noch seine Umgebung zuverlässig. Erschrickt er und entkommt, kann nicht vorausgesetzt werden, dass er sich orientieren oder zu euch zurückkehren kann. Achtet deshalb auf Situationen wie:
- das Öffnen der Transportbox
- das Ein- und Aussteigen aus dem Auto
- das Öffnen von Haus- und Wohnungstüren
- Gartentore und Grundstückszugänge
- jeden Wechsel zwischen Leinen, Halsband und Geschirr.
Erst sichern! Dann öffnen
Transportbox, Autotür, Haustür und Gartentor sind gerade am Anfang besonders sensible Situationen.
Die Fahrt vom Übergabeort bis nach Hause sollte möglichst ruhig und direkt erfolgen. Unnötige Zwischenstopps bedeuten weitere neue Situationen und beim Aussteigen auch zusätzliche Möglichkeiten zur Flucht.
Wenn eine Pause notwendig ist, achtet besonders sorgfältig auf die Sicherung!
Das Thema Fluchtprävention und richtige Sicherung frisch vermittelter Hunde ist so wichtig, dass wir ihm einen eigenen Beitrag in Minnies Wissensecke widmen.
Die ersten Stunden zuhause
Endlich angekommen - und jetzt möchten wir Menschen häufig zu viel auf einmal. Wir möchten dem Hund das Haus zeigen, den Garten, sein Körbchen, das Spielzeug, die Kinder und vielleicht gleich noch den vorhandenen Hund.
Für euren Hund bedeutet das aber NOCH mehr Neues!
Lasst ihn deshalb zunächst seine unmittelbare Umgebung (am besten erstmal ein sicherer Raum) in Ruhe kennenlernen. Er muss nicht am ersten Abend jedes Zimmer inspizieren. Er muss nicht spielen. Er muss nicht kuscheln. Und er muss ganz sicher nicht zeigen, wie "dankbar" er für sein neues Zuhause ist.
Stellt frisches Wasser bereit und bietet ihm sein gewohntes beziehungsweise vorgesehenes Futter an. Manche Hunde fressen unmittelbar nach der Ankunft, andere zunächst wenig oder gar nicht. Macht aus einer ausgelassenen Mahlzeit nicht sofort ein großes Ereignis, beobachtet euren Hund aufmerksam.
Anhaltende Futter- oder Wasserverweigerung oder zusätzliche gesundheitliche Auffälligkeiten sollten nicht automatisch als Eingewöhnungsstress interpretiert werden. Bei deutlicher Schwäche, Schmerzen, wiederholtem Erbrechen, starkem oder anhaltenden Durchfall oder einem beeinträchtigten Allgemeinzustand sollte tierärztlicher Rat eingeholt werden.
Auch der erste Gang nach draußen muss noch kein richtiger Spaziergang sein. Oft genügt zunächst: hinausgehen - lösen - ein wenig schnüffeln - wieder nach Hause.
Wählt möglichst eine ruhige Umgebung und beobachtet euren Hund. Kann er schnüffeln und seine Umwelt erkunden? Wirkt sein Körper locker? Oder ist er stark angespannt und möchte möglichst schnell weg? Die Länge des ersten Spaziergangs sollte sich nicht nach einer bestimmten Minuten- oder Kilometerzahl richten. Entscheidend ist, was euer Hund in diesem Moment bewältigen kann.
Ruhe, Nähe und die erste Nacht
Vielleicht passiert am ersten Abend etwas Überraschendes: gar nichts :)
Und das wäre vollkommen in Ordnung. Wenn euer Hund schlafen möchte, lasst ihn schlafen. Wenn er Abstand sucht, gebt ihm Abstand. Wenn er eure Nähe sucht, dürft ihr selbstverständlich für ihn da sein. Gerade Ruhe sollte in dieser Phase nicht als "verlorene Zeit" betrachtet werden. Untersuchungen an Tierheimhunden weisen auf Zusammenhänge zwischen Ruhe- bzw. Schlafverhalten und verschiedenen Indikatoren des Wohlbefindens hin. Daraus lässt sich zwar keine einfache Regel ableiten, wonach eine bestimmte Anzahl an Schlafstunden automatisch gutes Wohlbefinden bedeutet; die Ergebnisse unterstreichen aber, dass Ruheverhalten bei der Betrachtung des Wohlergehens von Hunden eine relevante Rolle spielt. (Owczarczak-Garstecka & Burmann, 2016).
Versucht deshalb nicht, euren Hund ständig zu beschäftigen.
Auch die erste Nacht kann sehr unterschiedlich verlaufen. Manche Hunde schlafen überraschend ruhig. Andere wechseln häufig ihren Liegeplatz, laufen umher, hecheln oder suchen die Nähe ihrer neuen Menschen. Manche müssen nachts nochmal raus.
Für die erste Zeit kann es hilfreich sein, den Schlafplatz so zu wählen, dass der Hund sich nicht vollkommen isoliert fühlt und ihr gleichzeitig bemerkt, wenn er unruhig wird oder hinaus muss. Das bedeutet nicht, dass diese Schlafsituation für immer so bleiben muss.
In der ersten Nacht müssen nicht sämtliche Regeln für die nächsten zehn Jahre festgelegt werden!
Minnie's Mutmacher!
Ein Hund, der am ersten Abend nur schlafen möchte, ist nicht enttäuscht von seinem neuen Zuhause.
Ein Hund, der noch nicht kuscheln möchte, lehnt euch nicht ab. Ihr lernt euch gerade erst kennen!
Die ersten Tage gemeinsam gestalten
Nach der ersten Nacht beginnt nicht automatisch das Trainingsprogramm. Auch in den nächsten Tagen stehen vor allem Orientierung, Ruhe, Sicherheit und kennenlernen im Mittelpunkt.
Ein überschaubarer Alltag kann eurem Hund helfen, erste Muster zu erkennen:
- Hier schlafe ich
- Dort steht mein Wasser
- Durch diese Türe gehen wir hinaus
- Dieser Mensch begleitet mich
- Dieser Weg führt wieder nach Hause
Aus vollkommen Neuem kann sich nach und nach etwas Bekanntes entwickeln. Haltet die ersten Spaziergänge eher ruhig und überschaubar. Wiederkehrende Wege können zunächst hilfreicher sein als täglich neue Abenteuer.
Auch Zuhause muss nicht jeder freie Moment mit Beschäftigung gefüllt werden. Schnüffeln, ruhiges Erkunden, Beobachten, Schlafen und freiwilliger Kontakt mit euch sind bereits Erfahrungen. Wenn euer Hund Kontakt sucht, könnt ihr darauf eingehen. Möchte er Abstand, sollte das auch respektiert werden.
Nähe anbieten ist etwas anderes als Nähe einfordern
Und auch wenn euer Hund euch bereits nach zwei Tagen überall hin folgt, bedeutet das nicht automatisch, dass er bereits sicher alleine bleiben kann.
Alleinebleiben ist ein eigener Lernprozess und sollte schrittweise aufgebaut werden!
Was jetzt ruhig noch warten darf
Gerade weil wir uns auf unseren neuen Hund freuen, entsteht leicht das Gefühl, ihm möglichst schnell alles zeigen zu wollen. - Vieles hat aber Zeit!
In den ersten Tagen braucht euer Hund normalerweise weder ein großes Besuchsprogramm noch Ausflüge in die Innenstadt oder ins Restaurant. Auch Hundewiese, Einkaufszentrum, Familienfeier und die große Kennenlernrunde durch die Nachbarschaft dürfen warten.
Dasselbe gilt für intensives Training!
Natürlich darf euer Hund vom ersten Tag an freundliche und klare Orientierung bekommen. Aber er muss nicht innerhalb von 72 Stunden "Sitz", "Platz", "Fuß" und perfekten Rückruf lernen. - Viel wichtiger sind zunächst andere Lernerfahrungen:
- Sind diese Menschen verlässlich?
- Werde ich verstanden?
- Darf ich mich zurückziehen?
- Was passiert, wenn ich unsicher bin?
- Bin ich hier sicher?
Positive menschliche Interaktion kann Stressreaktionen bei allen Hunden, insbesondere Tierschutzhunden, beeinflussen (Shiverdecker et al., 2013). Für die langfristige Gestaltung des Trainings empfehlen wir belohnungsbasierte Methoden. Untersuchungen zeigen, dass aversive Trainingsmethoden mit stärkeren stressbezogenen Verhaltensweisen und physiologischen Stressreaktionen verbunden sein können (Vieira de Castro et al., 2020).
Wenn bereits ein Hund im Haushalt lebt
Ein vorhandener Hund kann dem Neuankömmling Orientierung geben. Trotzdem sollte nicht erwartet werden, dass aus zwei Hunden automatisch innerhalb weniger Stunden Freunde werden.
Gebt beiden Hunden Rückzugsmöglichkeiten und beobachtet ihre Interaktionen!
Besonders bei Ressourcen ist zunächst Aufmerksamkeit sinnvoll. Dazu gehören beispielsweise:
- Futter und Futternäpfe
- Kauartikel
- begehrtes Spielzeug
- Schlaf- und Liegeplätze
- besonders begehrte Aufmerksamkeit der Bezugspersonen.
Füttert die Hunde anfangs besser getrennt und erzwingt weder gemeinsames Spielen noch gemeinsames Liegen.
Was ihr nach 72 Stunden wissen müsst - und was noch nicht!
Vielleicht kennt ihr euren Hund nach drei Tagen bereits ein kleines bisschen besser. Ihr habt möglicherweise herausgefunden, wo er am liebsten schläft, wo er sich draußen löst, welche Geräusche ihn verunsichern oder ob er lieber Nähe oder Abstand sucht.
Das alles sind wertvolle Beobachtungen, aber sie sind noch keine endgültige Beschreibung eures Hundes!
Eine prospektive Untersuchung adoptierter Tierheimhunde zeigt, dass sich verschiedene Verhaltensbereiche während der ersten sechs Monate nach einer Adoption verändern können (Bohland et al., 2023).
Auch Untersuchungen physiologischer Stressparameter zeigen, dass Veränderungen nach einem Wechsel der Unterbringung nicht auf wenige Stunden begrenzt betrachtet werden sollten (van der Laan et al., 2022).
Deshalb ist der dritte Tag keine Ziellinie!
Und die ersten 72 Stunden sind kein Test, den euer Hund bestehen muss!
- deutlich beeinträchtigt oder apathisch wirkt
- anhaltend Futter oder Wasser verweigert
- wiederholt erbricht oder starken bzw. anhaltenden Durchfall hat
- Schmerzen, Atemprobleme oder andere deutliche körperliche Auffälligkeiten zeigt
- massive Panik oder anhaltende extremen Stress zeigt
- sich selbst gefährdet
- massive Fluchtversuche zeigt oder
- aggressives Verhalten zeigt, das ihr nicht sicher einschätzen könnt.
Deshalb gilt: Nicht jede Auffälligkeit ist "nur Stress" - Wenn ihr unsicher seid, nehmt lieber frühzeitig mit uns Kontakt auf und fragt!
- Sicherheit zuerst: Erst sichern, dann Türen, Boxen oder Fahrzeuge öffnen!
- Ruhe ermöglichen: Nicht jeder freie Moment muss mit Aktivität gefüllt werden!
- Erwartungen reduzieren: Euer Hund muss noch nichts beweisen!
- Nähe anbieten, nicht erzwingen: Lasst euren Hund Kontakt mitgestalten!
- Spaziergänge überschaubar halten: Orientierung ist zunächst wichtiger als weite Strecken!
- Alltag entstehen lassen: Wiederkehrende Abläufe können Vertrautheit schaffen!
- Beobachten statt vorschnell bewerten: Die ersten Tage zeigen noch nicht den "fertigen" Hund!
- Gesundheit ernst nehmen: Körperliche Auffälligkeiten nicht automatisch mit Eingewöhnungsstress erklären.
- Und vor allem: Gebt eurem Hund Zeit!
Frühzeitige Unterstützung zu suchen bedeutet nicht, dass eure Adoption gescheitert ist. Im Gegenteil:
Minnies wichtigste Botschaft!
Wenn ich euch zum Schluss nur eine Sache mitgeben dürfte, wäre es diese:
Zeigt eurem Hund in den ersten Tagen besonders:
Ihr gebt ihm Futter und Wasser
Ihr gebt ihm Schutz
Ihr respektiert seinen Rückzug
Ihr begleitet ihn durch unbekannte Situationen
Ihr seid verlässlich!
Der Rest darf wachsen
Eure Minnie Maus





