Ankommen braucht Zeit!
Ein neues Zuhause ist nicht sofort automatisch ein vertrautes Zuhause!
Hi! Hier ist wieder eure Minnie!
Heute möchte ich mit euch über eine ganz besondere Zeit sprechen: die ersten Tage und Wochen nach der Adoption eines Hundes.
Für euch ist die Ankunft wahrscheinlich ein Moment, auf den ihr euch lange gefreut habt. Vielleicht stehen Körbchen, Näpfe und Spielzeug schon bereit und am liebsten möchtet ihr eurem neuen Familienmitglied sofort zeigen, wie schön sein neues Leben werden wird.
Für euren Hund sieht dieser Tag möglicherweise etwas anders aus.
Neue Menschen, Neue Gerüche. Neue Geräusche. Eine fremde Umgebung. Ein anderer Tagesablauf. Vielleicht neue tierische Mitbewohner.
Fast alles, was bisher vertraut war, ist plötzlich anders.
Gerade unsere Hunde von den Azoren haben zusätzlich eine große Reise hinter sich. Deshalb möchte ich euch zu Beginn etwas Wichtiges mitgeben:
Euer Hund muss nach der Ankunft noch nichts leisten - er darf erst einmal ankommen.
Warum die erste Zeit so wichtig ist
Ein Wechsel der Umgebung bedeutet für einen Hund eine erhebliche Veränderung. Untersuchungen an Tierheimhunden zeigen, dass Veränderungen der Unterbringung mit messbaren Stressreaktionen verbunden sein können. Dabei wurden unter anderem Veränderungen der Cortisolkonzentration beobachtet (Hennessy et al., 1997; van der Laan et al., 2022).
Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass positiver menschlicher Kontakt Stressreaktionen von Hunden reduzieren kann. Shiverdecker et al. (2013) konnten beispielsweise zeigen, dass wiederholte positive menschliche Interaktion physiologische und verhaltensbezogene Stressreaktionen von Tierheimhunden beeinflussen kann.
Was bedeutet das für den Alltag? Vor allem: Ruhe, Sicherheit, Verlässlichkeit und ein respektvoller Umgang sind in der ersten Zeit wichtiger als möglichst viele neue Erfahrungen. Euer Hund muss jetzt nicht möglichst schnell "funktionieren". Er muss zunächst lernen:
- Hier passiert mir nichts.
- Hier kann ich zur Ruhe kommen.
- Diese Menschen sind verlässlich.
- Hier bin ich sicher.
Für einen Hund von den Azoren verändert sich besonders viel!
Versucht einmal, die ersten Tage aus der Perspektive eures Hundes zu betrachten. Je nach seiner individuellen Geschichte hat er möglicherweise eine Auffangstation oder Pflegestelle verlassen. Er hat vertraute Menschen und Hunde zurückgelassen. Er wurde transportiert. Er hat das Gewusel am Flughafen erlebt. Er ist geflogen. Und schließlich kommt er an einem Ort an, den er noch nie zuvor gesehen hat.
Auch Dinge, die für uns vollkommen alltäglich sind, können für einen Hund neu oder ungewohnt t sein. Straßenverkehr, Fahrräder, Aufzüge, Fernseher, Staubsauger, glatte Böden, automatisch schließende Türen, Busse und Bahnen oder das Leben in einer dicht bebauten Umgebung.
Nicht jeder Hund reagiert darauf gleich. Manche Hunde erkunden bereits nach kurzer Zeit neugierig ihr neues Zuhause. Andere ziehen sich zurück. Manche schlafen sehr viel. Andere hecheln, laufen unruhig umher oder folgen ihren neuen Menschen auf Schritt und Tritt. Und manche Hunde wirken in den ersten Tagen beinahe ungewöhnlich ruhig.
Eine prospektive Studie, in der adoptierte Tierheimhunde über sechs Monate begleitet wurden, zeigt, dass verschiedene Verhaltensweisen nach der Adoption Veränderungen im zeitlichen Verlauf zeigen können (Bohland et al., 2023).
Auch Untersuchungen zu importierten ehemaligen Straßenhunden weisen darauf hin, dass sich deren Verhaltensprofile teilweise von jenen im Inland aufgewachsenen Hunde unterscheiden können. Unter anderem wurden bei den untersuchten importierten Hunden häufiger verschiedene Angstbezogene Verhaltenprobleme berichtet (Munkeboe et al., 2021).
Das bedeutet ausdrücklich NICHT, dass ein Hund aus dem Auslandstierschutz automatisch ängstlich oder "schwierig" ist! Es bedeutet: Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte, Persönlichkeit und seine bisherigen Erfahrungen mit!
Beurteilt euren Hund nicht nach den ersten Tagen. Beobachtet ihn, lernt ihn kennen. Und gebt ihm auch die Gelegenheit, euch kennenzulernen!
Weniger ist am Anfang oft mehr
Natürlich möchten Familie und Freunde den neuen Hund kennenlernen. Vielleicht wartet bereits der erste Ausflug. Und selbstverständlich möchtet ihr eurem Hund zeigen, wie schön sein neues Leben werden kann. Aber gerade jetzt gilt: Nicht alles gleichzeitig!
Besucher, Familienfeiern, Restaurantbesuche, Einkaufsstraßen oder große Ausflüge bedeuten zusätzliche neue Eindrücke. Für einen Hund, dessen gesamte Lebenswelt sich gerade verändert hat, kann das schlicht zu viel sein. Die ersten Tage dürfen deshalb ruhig sein.
- Ein kleiner Spaziergang
- Fressen, Schlafen
- Die neue Umgebung beobachten
- Wieder hinausgehen
- Und wieder schlafen
Minnie's Mutmacher!
Ihr müsst eurem Hund in den ersten Tagen nicht die ganze Welt zeigen. Seine neue Welt ist zunächst schon groß genug :)
Ein Rückzugsort gehört dem Hund
Jeder Hund sollte einen festen Platz haben, an den er sich zurückziehen kann. Das kann ein Hundebett, eine offene Box oder eine ruhige Ecke sein. Wichtig ist weniger, wie dieser Platz aussieht. Wichtig ist:
Dort darf und muss der Hund in Ruhe gelassen werden!
Das gilt besonders in Haushalten mit Kindern. Wenn der Hund seinen Ruheplatz aufsucht, sollte er dort nicht zum Streicheln oder Spielen aufgefordert werden. Auch wenn euer Hund zunächst ungewöhnlich viel schläft oder ruht, solltet ihr ihm diese Möglichkeit geben. Er hat sehr viele neue Eindrücke zu verarbeiten.
Vorhersehbarkeit kann Sicherheit geben
- Wann gibt es Futter?
- Wann gehen wir hinaus?
- Wann passiert etwas?
- Und wann darf ich einfach schlafen?
Ein zunächst relativ ruhiger und verlässlicher Tagesablauf kann eurem Hund dabei helfen, seine neue Lebenswelt kennenzulernen. Das bedeutet nicht, dass ab jetzt jeden Tag exakt um 7:03 Uhr Frühstück serviert werden muss. Es geht um etwas anderes:
- Der Alltag wird für euren Hund zunehmend vorhersehbar.
- Mit der Zeit kann die Erfahrung entstehen: "Ich beginne zu verstehen, was hier passiert."
Nähe anbieten - nicht einfordern
Dieser Punkt fällt uns Menschen manchmal besonders schwer. Schließlich haben wir uns auf unseren Hund gefreut. Wir möchten ihn streicheln, mit ihm kuscheln und ihm zeigen: Jetzt gehörst du zu uns.
Aber nicht jeder Hund möchte sofort körperliche Nähe. Umarmungen, Festhalten, über den Hund beugen oder ausgiebiges Streicheln können insbesondere für einen unsicheren Hund unangenehm sein. Lasst euren Hund deshalb möglichst häufig selbst entscheiden.
- Kommt er zu euch? - Wunderbar.
- Zieht er sich zurück? - Auch das ist in Ordnung.
- Respektiert seine Entscheidungen
- Wo wohne ich?
- Welche Geräusche gehören hierher?
- Wer begleitet mich?
- Wo kann ich mich lösen?
- Welche Wege kenne ich?
- Was passiert, wenn uns Menschen, Hunde, Autos oder Fahrräder begegnen?
Deshalb können anfangs kurze, überschaubare Spaziergänge und wiederkehrende Wege sinnvoll sein. Es geht in dieser Phase nicht darum, möglichst viele Kilometer zurückzulegen, sondern den Hund seine Umgebung nach und nach kennenlernen zu lassen. - Es geht um Orientierung und Sicherheit.
Sicherheit geht vor
Dieser Punkt ist uns bei frisch vermittelten Hunden besonders wichtig. Ein Hund, der gerade erst angekommen ist, kennt seine neue Umgebung nicht. Wenn er sich erschreckt und davonläuft, kann nicht vorausgesetzt werden, dass er sich bereits an seinem neuen zu Hause orientieren und dort zurückfinden kann.
Geschirr und Halsband müssen richtig sitzen und regelmäßig kontrolliert werden. Bei entsprechend unsicheren oder fluchtgefährdeten Hunden ist eine zusätzliche Sicherung besonders wichtig.
- Ruhig beseitigen
- Nicht schimpfen
- Nicht bestrafen
- Morgen ist ein neuer Tag
Training darf warten - Lernen findet trotzdem statt
- Sind diese Menschen verlässlich?
- Werde ich verstanden?
- Was passiert, wenn ich Angst habe?
- Darf ich mich zurückziehen?
- Bekomme ich regelmäßig Futter?
- Bin ich hier sicher?
Diese Erfahrungen sind für eure zukünftige Beziehung ausgesprochen wertvoll. Wenn ihr mit eurem Hund trainiert, empfehlen wir belohnungsbasierte Trainingsmethoden..
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass aversive Trainingsmethoden mit stärkeren stressbezogenen Verhaltensweisen und physiologischen Stressreaktionen verbunden sein können (Vieira de Castro et al., 2020)..
Auch die American Veterinary Society of Animal Behaviour spricht sich in ihrem Positionspapier für belohnungsbasierte Trainingsmethoden und gegen aversive Trainingsmethoden aus (AVSAB, 2021).
- starke oder zunehmende Angst zeigt
- kaum zur Ruhe kommt
- über längere Zeit kaum oder gar nicht frisst
- panisch auf Alleinsein reagiert
- massive Fluchtversuche zeigt
- aggressives Verhalten zeigt
- sich plötzlich deutlich verändert
- Schmerzen oder andere gesundheitliche Auffälligkeiten zeigt, oder
- ihr selbst merkt, dass ihr mit einer Situation nicht mehr gut zurechtkommt,
Frühzeitige Unterstützung zu suchen bedeutet nicht, dass eure Adoption gescheitert ist. Im Gegenteil:
Minnies wichtigste Botschaft!
Wenn ich euch zum Schluss nur eine Sache mitgeben dürfte, wäre es diese:
Die Adoption ist nicht die Ende der Reise eures Hundes! - Sie ist der Beginn eines neuen Abschnitts
Eure Minnie Maus





